„Alle wollen immer mehr haben, wissen Sie, keiner hat jemals genug, das ist so… So anstrengend ist das meistens. Warum können die Leute nicht einmal ein bisschen bescheiden sein? Verstehen Sie das? Ich meine, ist das so schwer? Man muss doch nicht alles haben. Kann man doch auch garnicht… Jedenfalls sagt meine Frau das immer zu meiner Tochter. Vielleicht will man das gerne ausprobieren, ob es auch stimmt. Dabei ist es ganz logisch. Keiner kann alles haben.“ Fundri beginnt aufgeregter zu reden. „Denn, wenn einer alles hätte, dann wäre ja nichts mehr übrig für alle anderen und das geht ja nicht, weil die ja auch was brauchen. Wissen Sie mit Autos mag das ja noch gehen, aber beim Essen hört es doch auf. Das Problem ist ja auch, dass es garnicht geht: Das ist ganz logisch. Wenn einer alles Essen hat verhungern die anderen und dann können die keine Autos mehr bauen, ganz einfach. Es ist einfach total unsinnig alles haben zu wollen, also das Gefühl, dass man alles haben möchte oder alles beherrschen, ich weiß garnicht wozu es das gibt. Man kann ja doch nicht satter als satt werden. Verstehen Sie was ich meine? Dinge haben wollen, die man garnicht will.“
„Sie möchten etwas haben, was Sie eigentlich nicht brauchen,“ antwortet sein Gegenüber mit einem Lächeln. Fundris Mimik gefriert. Er sieht müde aus. Nichtssagend sieht er einen halben Meter an dem linken Ohr des Therapeuten vorbei. Der Himmel ist klar. Die Sonne scheint. Der Minutenzeiger schiebt sich vorwärts.
„Sind Sie im Gedanken bei der Sache, die Sie haben wollen?“
„Ja.“ Der Patient bleibt regungslos.
„Möchten Sie mir davon erzählen?“
„Meistens reichen mir Bratkartoffeln mit Bohnen und Speck, aber manchmal…“ Herr Fundri seufzt und wendet sich dem Fenster zu.
„… manchmal reicht das nicht.“ Vollendet der andere Mund im Raum.
„Ja.“ Nun sieht er ihn durchdringend an. „Dann reicht die ganze Welt nicht.“
„Sie wollen nichts bestimmtes.“
„Das wäre schön einfach, aber ich weiß es nicht.“
„Ihnen fällt nicht ein, was Sie brauchen.“
„Ich will nichts, aber das ist schwer zu kriegen. Hatten Sie schonmal einfach nichts? Einfach so.“ Tiefes Schweigen.
„Nun, Herr Fundri, was immer dieses nichts ist, vielleicht bekommen wir es das näcshte Mal heraus.“ – „Ja.“ Tiefes Einatmen. „Bis Freitag, Herr Fundri.“ – „Ja, bis Freitag.“ – „Auf Wiedersehen.“ Tiefes Nicken. Herr Fundri wendet sich ab und geht über den blauen Teppich, der vielleicht lieber gleich alle Farben hätte. Die Tür will sich eigentlich nicht öffnen lassen, das Treppenhaus wäre lieber ein Fahrstuhl. Die schwere Eingangstür will gerne leichter sein und entlässt ihn in eine Welt, in der alle alles wollen, aber keiner alles haben kann.
Mehr Wollen
Oktober 16, 2009 von Jonas Amadeus M.Über Herrn Fundri VI
Oktober 16, 2009 von Jonas Amadeus M.Normalerweise isst Herr Fundri in dem netten Restaurant auf der gegenüber liegenden Starßenseite seines Büros, das mit den freundlichen Mitarbeitern. Fast immer bestellt er die Bratkartoffeln mit Bohnen und Speck. Seiner Frau erzählt er dann am Abend, dass er Salat gegessen habe mit Oliven, grüne und schwarze, und nicht einmal Dressing hätte er genommen und es habe eigentlich ganz gut geschmeckt, aber ganz das Wahre sei es dann soch nicht. Und dann beißt er in sein Mettbrötchen.
Der Wassertropfen
September 30, 2009 von Jonas Amadeus M.„Ich hab schon fast alle Aufgaben fertig.“
„Du musst noch das Diktat schreiben.“
„Hab ich schon, heute.“
„Und wieviele Fehler hast du?“
„Drei. Ja!“
„Wo hast du das denn rein geschrieben?“
„In mein Heft.“
„Das hier?“
„Ja. Gut, oder?“
„Wo ist denn das?“
„Da.“
„Warum lässt du eigentlich immer eine Seite leer?“
„Weiß nicht. Ich schreib da noch was.“
„Was sagt den Herr Löhr dazu?“
„Nichts.“
„Warum lässt du dann die Seiten leer?“
„Ich schreib da noch was. Ich hab auch eine Geschichte geschrieben, darf ich sie dir vorlesen?“
„Was musst du denn noch machen?“
„Nur noch die Elefantenaufgabe.“
„Welche Elefantenaufgabe?“
„Auf dem Elefantenbuch, Seite 17.“
„Die hast du doch schon gemacht.“
„Nein, hab ich nicht. Ich zeig’s dir. Unten auf Seite 17.“
„Gib her.“
„Ich hab ein Geschichte geschrieben, ich les sie dir vor, ja?“
„Hm.“
„Die ist in meinem Heft, vor dem Diktat. Ich les sie dir vor: Der Wassertropfen.“
„Solltest du überhaupt was schreiben?“
„Ja, das war so: Da war ein Bild mit einem Glas und da war ein Wassertropfen drin und wir sollten zehn Minuten was dazu schreiben. Ich hab die Geschichte in zehn Minuten geschrieben.“
„Ja…“
„Also: Der Wassertropfen. Das ist die Überschrift: Der Wassertropfen. Ein Mann geht durch die Wüste und ihm ist sehr heiß. Und er hat kein Wasser mehr und er hat großen Durst. Da sieht er ein Glas und läuft schnell hin. Aber als er beim Glas ankommt, sieht er, dass es leer ist. Nur ein einziger Wassertropfen war übrig. Der Mann hat großen Durst.“
„Gib mir nochmal das Diktat.“
„Die Geschichte ist gut, oder?“
„Schön. Heute Abend machst du die Aufgabe aus dem Elefantenbuch.“
Vor meinem Fenster sitzt ein Dämon
September 12, 2009 von Jonas Amadeus M.Vor meinem Fenster sitzt ein Dämon. Er hat schmale, rote Augen. Sie sind zwei Finger hoch und so lang wie meine ganze Hand. Und er macht mir Angst.
Es ist sehr dunkel in meinem Zimmer und draußen im Garten auch. Ganz langsam hat die Dunkelheit sich eingeschlichen und sie macht mir Angst.
Vor meinem Fenster hockt der Dämon. Sein Kopf bedeckt es halb. Er ist rund oder eckig, wie er es grad will. Und er ist ganz schwarz und macht mir Angst.
Es ist kalt geworden draußen und unter meiner Bettdecke auch. Ganz langsam hat die Kälte sich eingeschlichen und sie macht mir Angst.
Vor meinem Fenster sitzt ein Dämon. Zwischen den Ritzen schiebt er seine Finger durch, er hat sehr viele Hände mit sehr vielen Fingern. Und er macht mir Angst.
Es ist sehr still in meinem Raum und draußen im Garten pfeift der Wind. Ganz langsam hat sich ein Geräusch eingeschlichen und es macht mir Angst.
Durch mein Fenster kriecht der Dämon. Er bewegt sich oder hält stundenlang still, wie er es grad will. Und er hat lange Krallen und macht mir Angst. Ich habe Angst
Es ist sehr heiß geworden unter meiner Bettdecke und meine Füße sind so kalt. Ganz langsam breitet sich die Hitze von meinem Bauch aus. Und ich habe Angst. Soviel Angst
Durch mein Fenster sieht ein Dämon. Er schaut von drinnen nach draußen und er hat Augen im Rücken. Er beobachtet mich und macht mir Angst. Angst
Die Luft ist stickig unter der Decke und es stinkt. Ganz langsam lässt sich der Dämon auf mir nieder. Er drückt mich mit der Nase in das Kissen und…
Dies ist die Geschichte über Lügen
September 12, 2009 von Jonas Amadeus M.Und es geschah, dass der junge Mensch hinunter geführt wurde in ein Gewölbe. Er war nämlich verleumdet worden. Und sie ließen ihn vortreten. Da lag das Foltergerät auf dem Tisch. Aber es schreckte ihn nicht. Und als sie ihn furchtlos sahen, sagten sie: „Fürchte dich!“ Und er sagte:
„Was nützt die Folter. Ist meine Unschuld nicht die selbe? Wahrlich, ich sage euch: Lebt ihr ruhig und in Frieden, traget Liebe zu den Menschen und bewahrt sie vom Leid, damit ihr tut, was ich nicht konnte.“
Und es folterten ihn fünf Männer. Er aber sagte nichts. Da sperrten sie ihn sieben Tage und sieben Nächte in den Kerker. Und es dürstete ihn, dass er sich nicht bewegen konnte. Und es wurde der Morgen des achten Tages, da brachten sie ihm Wasser und er trank. Und sie brachten einen Bettler vor das Gitter. Und sie drängten diesen, den jungen Menschen schuldig zu sprechen. Siehe, in der Hand hielt er einige Münzen. Und es sprach der junge Mensch zum Bettler:
„Sind das die Münzen die du bekamst zu sagen die Wahrheit vor dem Schreiber des Gerichts? Wahrlich, nun sag ihnen alles, was wahr ist.“
Und der Bettler schwieg und sagte nichts. Und sie nahmen ihn und brachten ihn hinaus. Und es ging der Schreiber mit ihnen. Und es war leer sein Papier.
Über Herrn Fundri V
September 12, 2009 von Jonas Amadeus M.Oft sind andere Menschen irritiert, wenn sie Herrn Fundri begegnen. Das liegt wohl daran, dass er meistens lächelt und jedem direkt in die Augen schaut. Verbal ist er hingegen nicht so direkt. Er denkt, dass er seine Umwelt in dieser Hinsicht schohnen muss. Überhaupt kommen ihm seine Gedanken meist sehr gefährlich vor. Deswegen spricht er selten über wirklich wichtige Dinge. Lieber ist ihm das Wetter, die Philosophie und Politik. Hauptsache er kann Abstand halten.
Über Wahlkampf
September 10, 2009 von Jonas Amadeus M.Die Jemands sind zufrieden: Im Wahlkampf geht Denunzierung vor Inhalten. Jeder hat also eine gute Orientierung: Es gibt die einen, die anderen* und sie muss sich nur noch überzeugen lassen, wer denn nun der bessere Wahl wäre… Verzeihung, die beste Wahl wäre natürlich Niemand, aber der tritt nicht an.** Also: Sie muss gesagt bekommen, wer die schlechtere Wahl wäre. Und weil es so wichtig ist, dass sie weiß wer die schlechtere Wahl ist, müssen die Jemands sich ins Zeug legen und den Inhalt eher links liegen … ich meine natürlich, den Inhalt etwas zurück stellen, also in die Mitte.*** In der Mitte ist es sowieso am schönsten und am wärmsten. In der Mitte treffen sich alle Jemands und dann streiten sie sich darum, wer links und wer rechts von der Mitte sitzen muss. Wer die schlechtere Wahl war muss dann ‚Mitte (links)‘ oder ‚Mitte (rechts)‘ sitzen.**** An dieser Stelle wird es Zeit zu erklären, wie die Jemands organisiert sind: In Vereinen. Es ist wie in der Bundesliga: Sie spielen zwar gegeneinander aber sich trotzdem die Bälle zu.
Um Herrn Man brauchen sich die Jemands übrigens keine Sorgen machen. Man sollte wählen gehen, die schlechteste Wahl ist schließlich keine Wahl. Aber das weiß Niemand genau.
* Und die da drüben gibt es auch noch, aber die dürfen nicht mitspielen, weil die eh schon die schlechteste Wahl sind.
** Wie gesagt, auf Reisen. Aber er hat Briefwahl beantragt.
*** Links sollte man nichts liegen lassen, meinen die Jemands, da ginge nur alles kaputt und man darf auch nicht mitspielen, wenn man dahin geht.
**** Die Klammer können sich die Verlierer aber aussuchen. Deswegen sagen sie schon vorher sowas wie: „Wenn ich verliere, sitze ich aber Mitte links“ Und dann sagt ein anderer Jemand über ihn: “Der will ja verlieren, hat er gesagt, der will ja Mitte links sitzen. Deswegen ist er die schlechtere Wahl.“
